In Ballerinas zum Gletscher

Zu Fuß in Alaska.

Wir haben uns einen Traum erfüllt. Wir sind mit der Royal Caribbean Cruise Line auf der Rhapsody of the Seas von Seattle nach Alaska gefahren.

Heute sind wir in Skagway, einem kleinen verschlafenen Nest mit Häusern, die aussehen, als wären wir noch im Goldrausch am Klondike. Allerdings findet man in den Läden kaum noch Goldschürfausrüstung, sondern Cafés, Süßigkeiten,  Bücher und Outdoorbekleidung, mit so wichtigen Dingen wie Fellbikinis.

Wir wollen zum Laughton Gletscher wandern, während das Schiff mit seinem Komfort im Hafen liegt. Neun Stunden soll die ganze Tour dauern, hoffentlich hält das gute Wetter an. Es ist Mai und so warm hier im südlichen Alaska, dass wir unsere Jacken im Rucksack verstaut haben.

Wir halten Ausschau nach unserem Guide, der uns auf der Tour durch die Wildnis begleitet. Hoffentlich weiß er, wie wir uns die Bären vom Leibe halten können.

Da steht er, ein junger Mann, ein Schild in der Hand mit der Ausflugsnummer. Neben ihm zwei weitere junge Männer. Alle drei sehen genauso aus, wie wir uns einen Alaskaner vorgestellt haben: buschige Bärte, ziemlich lange verwuschelte Haare, in voller Trekkingausrüstung, mit riesigen Rucksäcken. Naturburschen halt, die die meiste Zeit an der frischen Luft zubringen.

Haben wir etwa viel zu wenig mit? Klar, wir tragen auch Trekkingschuhe, haben einen kleinen Rucksack mit Regenklamotten und warmen Sachen dabei, sogar an Walkingstöcke haben wir gedacht. Aber was haben die noch alles dabei?

Da kommen auch schon die nächsten Touristen. Ein junges Pärchen, vielleicht auf Hochzeitsreise. Allzu glücklich sehen sie allerdings nicht aus. Na, die haben sich wohl vertan, das kann kaum ihr Ausflug sein. Sie ist recht stylisch angezogen, helle Hose, dünne Jacke, Ballerinas. Er immerhin in Jeans und Sneakers.

Sie zeigen Ihre Tickets vor, doch, tatsächlich, sie wollen mit. Der eine Guide schaut recht skeptisch, weist kurz auf die lange Wegstrecke hin, die gewandert werden soll. Immerhin werden es acht bis neun Meilen sein, also ungefähr 13 bis 14 Kilometer und immer durch die Wildnis, über Stock und Stein durch den Wald, über Bäche und Felsen.

„Doch, das bekäme sie hin“, meint die junge Frau. Ihr Partner nuschelt ihr sowas zu wie „das habe ich dir doch gesagt, zieh was anderes an…“

Nun, wir wissen jetzt, warum die beiden sauer aussehen, so wirklich Lust scheint sie nämlich nicht zu haben.

Inzwischen sind auch die anderen der Gruppe eingetroffen. Sie sind alle so angezogen wie wir, auch auf einen plötzlichen Wetterumschwung eingestellt, der hier ganz schnell passieren kann.

Wir sind zehn Leute, nur wir zwei sind aus Deutschland, der Rest ist aus den USA. Kaum zu glauben, dass nur so wenige diese abenteuerliche Tour mitmachen wollen, liegen doch zwei Ozeanriesen mit zusammen mehr als 5000 Passagieren am Kai.

Uns soll es recht sein. Die beiden Guides stellen sich vor. Ich verstehe sowas wie Steve,und Andy, aber vielleicht heißen sie auch ganz anderes, sie nuscheln ganz schön. Den dritten Namen verstehe ich gar nicht, es ist zu laut um uns herum, die White Pass Bahn stößt einen schrillen Pfiff aus.

Logo auf einer Lok
Logo auf einer Lok

Dann geht es auch schon los.

Erstmal steigen wir in die White Pass Bahn ein. Wie aus einem anderen Jahrhundert sieht die Bahnstation aus, ebenso der lange Zug.  Tatsächlich wurden sie für den Goldrausch am Klondike gebaut. Die Personenwagen sind liebevoll restauriert, doch wirklich bequem sind die Holzbänke nicht.

Während der einstündigen Fahrt, die uns immer weiter in die Berge bringt, sehen wir immer wieder den Fluss aufblitzen, der sich durch Schluchten schlängelt. Die Bäume streifen manchmal den Zug, von den offenen Aussichtsplattformen könnte man sie erreichen. Ab und zu pfeift die Lok ganz laut. Wir fahren an verlassenen Bahnstationen vorbei. Wir können uns fast vorstellen, wie die Abenteurer vor rund 120 Jahren zu Fuß durch diese Berge marschiert sind, um sich einen Claim abzustechen und ihr Glück in der Goldsuche zu versuchen.

Das haben wir heute aber nicht vor. Der Zug hält, viele schauen zum Fenster heraus, weil sie wissen wollen, warum hier mitten in der Wildnis angehalten wird. Die drei Guides scheuchen unsere kleine Truppe aus dem Zug, der hat es eilig, er nimmt ab hier Anlauf, um sich immer weiter die Berge hinauf zu schrauben.

Hier an der Glacier Station steht eine kleine Hütte. Die drei schließen sie auf und verteilen erstmal breite Hüftgurte mit Wasser, Sandwiches und Nüssen, sowie Walkingstöcke.

Der Frühling hält Ende Mai Einzug
Der Frühling hält Ende Mai Einzug

Wir lehnen ab, haben wir doch eigene mitgebracht. Gleich scherzt Andy „ die Deutschen werden wohl mit Wanderschuhen und Walkingstöcken geboren“. Unsere Antwort: „Klar, aber nur mit ganz kleinen!“

Das Eis ist gebrochen, alle lachen. Nun bekommen wir Instruktionen. Was machen wir, wenn wir Bären sehen? Nicht weglaufen oder einen Baum hochklettern, das können die viel besser. Nein, sich groß machen, stehen bleiben und vor allem, die Gruppe muss zusammen bleiben. Jetzt wissen wir auch, warum die drei so große Rucksäcke mithaben. Sie haben nicht nur Pfefferspray mit, falls wir tatsächlich einem Bären begegnen, sondern auch Spaten und viele andere nützliche Dinge, wie sich bald herausstellt.

Sie erzählen uns, dass wir die erste Touristengruppe des Jahres sind, die zum Laughton Gletscher wandern wird. Bis vor ein paar Tagen hat es noch geschneit. So wurden sie von  ihrer Agentur einige Tage vor dieser Tour vorausgeschickt um zu prüfen, wie die Wegstrecke ist. Sie mussten viel Schnee schaufeln.

Na, wir werden sehen.

Wir stiefeln los, einer nach dem anderen. Jeder braucht ein wenig Zeit, um seinen Tritt und seine Geschwindigkeit zu finden. Steve geht vorn, Andy hinten, damit auch ja keiner verloren geht.

Das junge Pärchen geht erst noch ganz zügig mit, der Weg ist noch recht breit und bequem. Wir halten an, Steve zeigt uns einen Stachelschweinbau. Davor liegen auch einige Stacheln. Mit denen sollte man sich nicht anlegen. So ein Stachel in der Haut verursacht unheimliche Schmerzen und oft genug entzündet sich die Stelle.

Wir gehen weiter. Der Weg wir schmaler, steiniger und abschüssiger. Ich freue mich, dass wir die Stöcke haben, das macht das Gehen leichter. Bald kommen wir tiefer in den Wald hinein, der aus hohen Tannen und undurchdringlichem Dickicht besteht.

Moos
Moos

Moos ist überall. Jetzt wissen wir, warum die Guides Tage vor uns diesen Weg abgehen sollten. Sie haben den einen oder anderen umgestürzten Baum beiseite geschafft und tatsächlich Schnee geschippt. Viel Schnell, wie wir nur allzu schnell merken.

Die junge Frau ist nun recht verzweifelt. In ihren dünnen und rutschigen Ballerinas kommt sie kaum noch hinterher. Ihr Partner guckt immer wütender. Er hatte sich auf diese Wanderung gefreut, jetzt kann er sie nicht mehr genießen, muss er ihr doch dauernd helfen und sie stützen. Und das ist erst der leichte Anfang des Weges, wie uns Steve bestätigt.

Mit nur ganz wenig Überredungskunst der drei Guides beschließen die zwei jungen Leute umzudrehen und bei der Hütte auf die Rückkehr der Gruppe zu warten. Allein dürfen sie das aber nicht. Also wird schnell klar, dass einer der Guides die beiden zurück begleiten muss, Steve und Andy bleiben bei uns.

Wir verabschieden uns kurz von den dreien. Der jungen Frau ist das sichtlich peinlich, ihr Begleiter ist wütend. Weg sind sie. Hoffentlich ist das nicht das Ende ihrer Beziehung…

Wir gehen weiter. Immer tiefer in den Wald hinein, wir klettern über Baumstämme, über Felsen, immer wieder geht es über Schnee. Gut, dass der Weg ein bisschen frei geräumt wurde, das hätte sonst keiner von uns Touristen geschafft.

Unterwegs im Schnee
Unterwegs im Schnee

Teilweise liegt der Schnee noch meterhoch zu beiden Seiten des schmalen Weges. Wir gehen wie durch einen Hohlweg. Wir können uns langsam vorstellen, wie hoch hier der Schnee im Winter liegen kann. Für uns Norddeutsche kaum vorstellbare Massen…

Dann hält die Gruppe an. Steve zeigt uns tiefe Rillen in einem dicken Baum. Fellflusen haben sich an den Astgabeln verfangen. Hier ist ein Bär hochgeklettert. Seine Krallen haben sich tief in die Baumrinde eingegraben. Uns gruselt ein wenig, wir drehen uns alle verstohlen um. Der Bär ist doch hoffentlich nicht mehr in der Nähe?

Es geht weiter. Bis eben war uns allen noch einigermaßen warm, langsam holt jeder von uns seine Jacke hervor. Es wird kühler. Da kommen wir an einer Schutzhütte an. Hier könnte man zur Not übernachten. Müde Wanderer, die nicht nur einen Tag, sondern länger unterwegs sind, finden hier Feuerholz und einige harte Pritschen.

Weiter geht es. „Es dauert nicht mehr lange, bis wir den Gletscher sehen werden“, versichert uns Andy. Wir sind alle sehr gespannt. Wir klettern einen kleinen Felsen hoch, indem wir uns gegenseitig helfen.

Da, tatsächlich. Wir stehen jetzt auf einer Art Hochplateau. Die Sonne hat hier, wo keine Bäume mehr stehen, den Schnee weggeschmolzen. Die Felsen kommen uns fast angewärmt vor.

Wir machen Rast, wer hat, holt sein Fernglas hervor, um die hohen, schneebedeckten Berge in der Ferne näher zu betrachten. Auch den Gletscher können wir nun sehen, aber bis dahin ist es noch ein gutes Stück. Steve zeigt auf eine Felswand in der Ferne. Auch ohne Fernglas haben seine geübten Augen das schneeweiße Dallschaf entdeckt. Für uns ist es nur ein winzig kleiner weißer Fleck auf grauem Grund. Mit dem Fernglas sehen wir, wie das Schaf an der Felswand zu kleben scheint.

DSC07150Wer hier ein menschliches Bedürfnis verspürt hat Glück. Ranger haben hier ein Häuschen für dringende Bedürfnisse gebaut. Schwindelfrei muss der Benutzer allerdings sein. Es hängt über einem Abhang, der direkt in einen reißenden Bach übergeht. Hier bekommt das Wort „Wasserspülung“ gleich eine ganz andere Bedeutung. Aber was für eine Aussicht hat der Benutzer! Fast vergesse ich, warum ich eigentlich hier bin.

Andy mahnt zum Aufbruch. Noch haben wir unser Ziel, den Laughton Gletscher nicht erreicht. Der Weg endet jetzt in einem breiten Geröllfeld. Jetzt heißt es klettern und bloß nicht ausrutschen in diesen teilweise riesigen, manchmal auch spitzen Steinen. Jeder  sucht seinen eigenenen Weg hinauf. Steve erklärt uns, dass der Gletscher bis vor einigen Jahren bis hinunter in das Tal gereicht hat, er sich aber jetzt mehr und mehr zurückzieht. Sonst könnten wir hier nicht mehr gehen, hätten unser Ziel bereits erreicht. Wir müssen weiter aufwärts krackseln. In einer viele Meter breiten Rinne mit hohen Wänden, die der Gletscher mit ungeheurer Kraft in das Gestein geschnitten hat.

Wir sind oben! Stehen auf dem Gletscherfuß. Der gepresste Schnee und das Eis haben tiefe Rillen und Ritzen, wir müssen ganz vorsichtig gehen. Wir bleiben eng zusammen, Steve geht vor. Es ist eiskalt geworden. Wir frieren alle trotz der Anstrengung der letzten Stunden. Ich bin froh, dass ich in meiner Jackentasche noch Handschuhe vom letzten Winter gefunden habe, die ich vergessen hatte rauszunehmen. Mützen oder Kapuzen haben wir alle längst auf.

Wir stapfen nur noch ein kleines Stück weiter, dann ist Schluss für unsere Gruppe. Ab jetzt bräuchten wir eine professionelle Ausrüstung. Die haben wir nicht. Wir machen Rast. Nun zeigt sich auch, warum unsere beiden Guides diese schweren, unhandlichen Rucksäcke auf ihrem Rücken tragen. Sie holen Thermosflaschen mit Tee und Kakao heraus. Wir nehmen die heißen Getränke gern an und die beiden sind sicher froh, dass ihre Last auf dem Rückweg ein bisschen leichter wird.

Wir sind alle ganz ergriffen von dieser unvorstellbaren Schönheit des Gletschers, der in unzähligen Blautönen schimmert. Dazwischen reines Weiß oder auch mal schmutziges Grau.

Panorama
Panorama

Um uns herum sehen wir nur noch die riesigen Berge, alle verschneit. In der Ferne den einen oder anderen Baumwipfel, ganz verkümmert vom kargen Boden und dem immer eisigen Wind.

Es ist unheimlich ruhig hier. Von uns mag auch keiner mehr reden. Wir können uns an der Schönheit und Wildheit dieser Umgebung nicht satt sehen. Ich fühle mich klein in dieser schroffen Natur. Hier hat der Mensch noch nicht eingegriffen, hier gelten die Gesetze der Natur. Kaum, dass wir mal einen Vogel sehen, wir scheinen die einzigen Lebewesen zu sein.

Hin und wieder knackt das Eis unheimlich.

Steve mahnt zum Aufbruch. Wir haben einen langen Marsch zurück vor uns. Gut, dass das junge Paar zurückgegangen ist. Bis hierher hätte sie es nie geschafft in ihren dünnen Schühchen und den dünnen Klamotten. Wie hat sie sich nur eine Wanderung zu einem Gletscher vorgestellt?

Es geht jetzt fast nur bergab. Wir kommen gut voran, das kleine Häuschen mit der tollen Aussicht und der Wasserspülung wird gern noch von uns genutzt, dann geht es ohne Halt zurück zum Ausgangspunkt unserer Wanderung.

Das junge Paar und der dritte Guide warten schon auf uns. Was die wohl die ganze Zeit hier gemacht haben? Uns egal, wir sind alle einigermaßen müde, aber unglaublich glücklich.

White Pass Railway
White Pass Railway

Der Zug muss gleich kommen. Hier an der Glacier Station führen die Gleise über eine lange Brücke, die ein tiefes Tal überspannt. Unten sieht man kaum den Gebirgsfluss, so tief ist die Schlucht.

Da traue ich meinen Augen nicht! Auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht läuft ein Bär! Es sucht sicher nach etwas Fressbarem. Hoffentlich gerät er nicht auf die Gleise, der Zug kommt doch gleich! Der hören wir auch schon den schrillen Pfiff der Lok. Langsam rollt der Zug auf die Brücke zu, die Kurve dahin ist recht eng.

Er hält, wir steigen ein. Jetzt freuen wir uns auf die harten Holzbänke. Der Marsch war lang, aber keiner möchte ihn missen. Das junge Paar hört unseren Erzählungen neidisch zu. Die arme Frau, was die wohl heute Abend noch zu hören bekommen wird?

Dirk und ich gehen auf eine der offenen Aussichtsplattformen am Ende eines  jeden Waggons und unterhalten uns dort mit einigen Mitreisenden, den Fotoapparat immer schussbereit. Bei dieser herrlichen Aussicht können wir nicht genug Fotos machen.

Der Zug fährt recht langsam, da ein paar enge Kurven kommen. Die Bäume stehen wieder dicht an den Schienen.

Der Bär und "Essen auf Rädern"
Der Bär und „Essen auf Rädern“

Mit einem Mal sehen wir neben uns etwas großes Braunes. Wieder ein Bär! Direkt neben den Schienen. Vielleicht denkt er, da kommt Essen auf Rädern!

Wir kriegen ihn tatsächlich aufs Foto! Was für ein toller Abschluss eines unvergleichlichen Tages!

Das ist also das echte Alaska, so haben wir es uns vorgestellt.  Das lässt uns nicht wieder los. Wir sind vom „Alaskafieber“ infiziert!

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Neueste Kommentare

4 Comments

  1. Paula
    15. Oktober 2014
    Reply

    Definitely an interesting story. I wonder how far she would have gotten in stilettos 🙂

    • Gabriela
      15. Oktober 2014
      Reply

      Dear Paula,
      we will never know…
      Thanks for your comment. I hope to see you again!

  2. Gabriela
    4. Oktober 2014
    Reply

    Danke für den netten Kommentar! Ich werde versuchen, immer am Wochenende einen neuen Bericht hochzuladen.
    Viel Spaß beim Lesen!

  3. Dirk
    4. Oktober 2014
    Reply

    Die Geschichte macht neugierig auf mehr. Bitte so weitermachen! Wann erscheint der nächste Reisebericht?

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